Mauer im Kopf

Wir schreiben heute den 3. Oktober 2019. Feiertag. Der Tag der Deutschen Einheit ist für mich einer der wichtigsten Feiertage die wir haben. Nach Vatertag natürlich 😉 . Aber Spaß bei Seite. Heute morgen warf ich einen Blick in die Social Medias. Dort las ich nichts von den von mir erwarteten Tweets und Postings über die Wiedervereinigung Deutschlands. Als dies bis zur Mittagszeit anhielt, war ich doch schwer enttäuscht. Warum? Ganz einfach.

Erst gestern fragte eine sehr Reichweiten starke Fernsehsendung via Facebook, warum die Wiedervereinigung Deutschlands nicht funktioniert hätte. Die Reaktionen direkt unter dieser Umfrage waren durchaus geteilter Meinung, was mir den Puls hoch trieb. Zitieren möchte ich an dieser Stelle keinen der Kommentare. Aber unterm Strich beruhten alle von mir gelesenen Kommentare darauf, dass es die Mauer anscheinend noch immer gibt. Zwar nicht mehr physisch, aber in den Köpfen mancher Menschen.

Teilweise wird so respektlos über einander gesprochen, dass man meinen könnte, die eine Seite wäre besser als die andere. Und das stinkt. Mir zumindest. Weder ist der ganze Osten voll mit Neonazis, noch denken alle Wessis, etwas Besseres als andere zu sein. Was ist mit den Familien, Paare und Freundschaften die durch die große Mauer getrennt waren? Werden denn wirklich die beeindruckenden Gesten und Emotionen am Abend des 9. November 1989 vergessen? Oder auch Dörfer, die auf Grund des Mauerbaus einfach ausradiert wurden. Wie, das wusstet ihr nicht?

Spontan bepackte ich mein treues K1+, ein von mir geliebtes, faltbares e-Mofa, mit den kleinen Satteltaschen. Fix steckte ich eine Kamera, Papiere und Geldbeutel in die Satteltaschen und fuhr los. Mit Helm natürlich, safty first. Ich fuhr unter dem grauen Himmel und durch windige Böen an einen der Orte, an denen noch vor 30 Jahren eine große Mauer stand. Ich stellte mein K1+ ab, aktivierte die Alarmanlage und spazierte an einen Platz, an dem man 1951 ein kleines, feines Dorf namens Liebau finden konnte. Gerade ein Jahr später, 1952, wurde dieses Dorf zu einem Geisterdorf. Von heute auf morgen war dieses Dorf plötzlich unbewohnt. Keine Menschenseele war dort mehr aufzufinden. Aber was hat es damit auf sich?

Liebau liegt im Osten Deutschlands. Und zwar in der ehemaligen DDR Sperrzone. Am Abend erfuhren die Bewohner von Liebau, von der geplanten Räumung und Verschleppung der Bewohner der Ortschaft. Darauf hin packten diese ihre Sachen und flüchteten in das benachbarte Bayern, um einer Deportation zu entgehen. Das Dorf konnte nur noch unbewohnt aufgefunden werden. Im Jahr 1975 wurde das unbewohnte Dorf auf Befehl der SED Regierung vollständig eliminiert. Einfach weg. Ein ganzes Dorf. Sicherlich nicht nur für mich unvorstellbar.

Seit dem ich von Liebau durch Zeitzeugen, älteren Menschen in meinem Bekanntenkreis, erfahren habe, spielte ich mit dem Gedanken diese Stelle mal zu besuchen. Und heute, am Tag der Deutschen Einheit, war es soweit. Wo einst noch ein ganzes Dorf stand, befinden sich heute nur noch Felder. Und ein Stein. Ein wichtiger Stein. Er trägt Zeilen der Erinnerung an das Dorf Liebau.

Hier stand das Dorf Liebau. Erstmalig erwähnt 1317. 1952 Flucht aller Dorfbewohner. 1975 Abriss des Dorfes auf Anordnung des SED Regimes.

Mupperg, 1992.

Es ist eine kleine und kurze Geschichte, aber für mich keines Wegs harmlos. Diese Geschichte ist Teil einer noch längeren Geschichte, die wir alle kennen. Die Geschichte der DDR und der BRD. Eine Geschichte, die vielleicht doch nicht jeder von uns kennt. Eine Geschichte die droht vergessen zu werden. Eine Geschichte voller Grausamkeiten, aber auch Nächstenliebe. Eine Geschichte, die ein Happy End am Abend des 9. November 1989 bekam. Ein Abend an dem sich fremde Menschen in den Armen lagen, sich freuten, sich anlächelten, sich abklatschten. Ein Abend, an den wir uns alle mal wieder erinnern sollten.

 

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